Erfahrungsberichte

  • Doz. Dr. Christoph Säly, LKH Feldkirch

    Karrieremöglichkeiten an einem Akademischen Lehrkrankenhaus

    „Aufgabe Akademische Lehrkrankenhäuser ist es, Studierenden Teile der medizinischen Ausbildung zu vermitteln. Diese Institutionen können während des Studiums und vor allem auch in der Zeit danach sehr interessante Karrieremöglichkeiten bieten.

    Der erste Kontakt mit einem Akademischen Lehrkrankenhaus wird für die meisten Studierenden bei einem Praktikum oder während des Klinisch-Praktischen Jahrs zustande kommen. Wir betreuen in Feldkirch seit mehreren Jahren in diesem Rahmen Studierende in Kleingruppen. Wie an anderen Kliniken rotieren die Kolleginnen und Kollegen zwischen den Stationen und Spezialambulanzen. Hier kommt ein wesentlicher Vorteil Akademischer Lehrkrankenhäuser zum Tragen: Es handelt sich in aller Regel große Schwerpunktkrankenhäuser, welche die Aufgaben der medizinischen Basisversorgung mit einem breiten Angebot an Spezialfächern vereinen. Das macht diese Institutionen natürlich sehr interessant für die medizinische Ausbildung – für das Studium und besonders für die postpromotionelle Ausbildung. Ein wesentlicher Vorteil unserer Abteilung für Innere Medizin und Kardiologie in Feldkirch ist etwa, dass sie einerseits groß genug ist, das volle Spektrum der Leistungen eines Zentrums anbieten zu können, andererseits aber doch eine Einheit bildet. Allgemein-internistische, kardiologische, gastroenterologische, und nephrologische Fälle können so in derselben Dienstbesprechung diskutiert werden. Dazu kommen mindestens drei kurze abteilungsinterne Fortbildungen pro Woche, die abwechselnd von verschiedenen Fachgruppen gestaltet werden. Das sichert gleichermaßen Tiefe und Breite der klinischen Ausbildung.

    Durch ihre Größe und das breite Spektrum an Disziplinen bieten Akademische Lehrkrankenhäuser die Möglichkeit einer Facharztausbildung in den meisten Spezialfächern. Zum Beispiel ist in Feldkirch eine Ausbildung zum Dermatologen, Augenarzt, Plastischen Chirurgen, oder Neurochirurgen möglich. In den großen Fächern wie Innerer Medizin oder Chirurgie ist der Erwerb verschiedenster Zusatzqualifikationen möglich. Es ist damit ein entscheidender Karriere-Vorteil, wenn die klinische Ausbildung an einem großen Haus mit vielen Ausbildungsmöglichkeiten begonnen werden kann. Für Kolleginnen und Kollegen, die sich um ihre erste Stelle bewerben, sollte die Größe der Institution und das Angebot an Ausbildungsoptionen ein wesentliches Kriterium sein.

    Der akademische Charakter Akademischer Lahrkrankenhäuser drückt sich in den akademischen Qualitäten Lehre und Forschung aus. Ein Akademisches Lehrkrankenhaus muss also auch wissenschaftlich aktiv sein – wenngleich das nicht notwendig für alle am Akademischen Lehrkrankenhaus Tätigen gleichermaßen gelten muss. Es ist eigentlich sogar ein Charakteristikum Akademischer Lehrkrankenhäuser, dass auch ein primär klinisch orientierter beruflicher Werdegang möglich ist. Große Akademische Lehrkrankenhäuser bieten wie gesagt die Kombination von medizinischer Grundversorgung und moderner Spezialistenmedizin. Sie sind deshalb wahrscheinlich von allen Institutionen jene, die am besten für die Ausbildung von Kolleginnen und Kollegen geeignet sind, die eine Niederlassung als Facharzt in eigener Praxis anstreben.

    Akademischen Lehrkrankenhäuser können aber durchaus auch sehr interessante Möglichkeiten einer Klinikkarriere, im besonderen einer wissenschaftlichen Laufbahn bieten. Das Medizinstudium ist geprägt von der Herausforderung in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Prüfungswissen zu erlernen. Mit wissenschaftlichem Arbeiten kommen Studierende in der Regel erst gegen Ende des Studiums in Berührung; vielen ist zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht bewusst, was für eine entscheidende Rolle erfolgreiche wissenschaftliche Arbeit für die berufliche Laufbahn spielen kann. Ganz abgesehen aber von karrieretaktischen Überlegungen bereichert eigenes wissenschaftliches Arbeiten in jedem Fall die Ausbildung – man lernt unter anderem, wie das Lehrbuchwissen des Medizinstudiums eigentlich zustande kommt und tut sich leichter, den Stellenwert des Gelernten und die Bedeutung neuer Entwicklungen richtig einzuschätzen. Darüber hinaus ist wissenschaftliches Arbeiten kreativ und intellektuell ansprechend und macht für sich selbst Freude.

    Forschung am akademischen Lehrkrankenhaus ist durch einige Besonderheiten gekennzeichnet. Inhaltlich sind die Projekte oft klinisch orientiert. Meist sind am Ort keine großen theoretischen Institute vorhanden; umso wichtiger sind Kooperationen mit entsprechenden Einrichtungen an größeren Forschungseinrichtungen. Der Erfahrungsaustausch mit anderen Gruppen auf wissenschaftlichen Tagungen ist noch wichtiger als für wissenschaftlich Tätige an größeren Forschungseinrichtungen. Ein wesentlicher Vorteil der klinischen Forschung am Akademischen Lehrkrankenhaus ist, dass bedingt durch die Aufgabe der Medizinischen Grundversorgung die Patienten meist weniger vorselektiert sind als an größeren Forschungseinrichtungen. Dazu kommt, dass wissenschaftlich Interessierte am Akademischen Lehrkrankenhaus oft noch mehr unbeackertes Feld für Ihre eigenen Projekte finden können.

    Ich selbst begann in Feldkirch mit einer Dissertation am VIVIT Institut beim Leiter der Abteilung für Medizin und Kardiologie, Prim. o. Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Heinz Drexel. VIVIT ist ein Akronym und steht für Vorarlberg Institute for Vascular Investigation and Treatment. Das Institut ist am Akademischen Lehrkrankenhaus gelegen, ist aber von diesem organisatorisch unabhängig; es ist als privater Forschungsverein organisiert. Parallel zu meiner Facharztausbildung konnte ich die während der Dissertation begonnen Projekte weiter verfolgen. Die wissenschaftliche Arbeit am VIVIT Institut verlief sehr erfolgreich: wir haben in den letzten sieben Jahren über 100 Publikationen erarbeitet, einen wesentlichen Teil davon in Top-Journals. Mit den wissenschaftlichen Publikationen aus meiner Arbeit am VIVIT Institut konnte ich mich vor gut fünf Jahren, etwa zur gleichen Zeit als ich meine Ausbildung zum Facharzt für Innere Medizin abschloss, an der Medizinischen Universität Innsbruck habilitieren. Die Habilitationskriterien sind dabei dieselben wie jene für Kolleginnen und Kollegen, die in an der Klinik in Innsbruck arbeiten; Angehörige universitärer Lehrkrankenhäuser haben die gleichen Rechte und Pflichten (etwa auch in Bezug auf den studentischen Unterricht) wie Universitätsangehörige.

    Die optionale Dissertation wurde im neuen Studienplan ersetzt durch ein zweistufiges System mit obligater Diplomarbeit für alle, gefolgt von einem Dr. scient. med. / PHD Studium für wissenschaftlich Interessierte. In Feldkirch betreuen wir Studierende sowohl während ihrer Diplomarbeiten als auch im Rahmen des Dr. scient. med. Studiums und PHD Studiums. Die medizinisch-wissenschaftliche Ausbildung bieten wir berufsbegleitend zusammen mit der Privaten Universität im Fürstentum Liechtenstein an; Prof. Drexel ist Dekan der Medizinischen Fakultät dieser Universität. Die Private Universität im Fürstentum Liechtenstein war ein wesentlicher Impuls für unsere Forschungsarbeit. Die Studierenden erarbeiten ihre wissenschaftlichen Publikationen (2 für den Abschluss des Dr. scient.med. Studiums, 2 weitere Erstautorschaften für den Abschluss des MD-PHD Studiums) zu einem großen Teil bei uns am VIVIT Institut.

    Wie anderswo auch sind am Akademischen Lehrkrankenhaus adäquate strukturelle Gegebenheiten eine notwendige Voraussetzung für international wettbewerbsfähiges wissenschaftliches Arbeiten. In Feldkirch konnten wir über das VIVIT Institut eine sehr gut funktionierende Struktur für unsere Forschung aufbauen. Zuerst führten wir in eher kleinerem Rahmen rein klinische Forschungsprojekte durch. Über das Institut etablierten wir aber ein eigenes Labor, über das wir nun auch grundlagenwissenschaftliche Arbeiten in Angriff nehmen können; für ein Projekt zur Interaktion von Adipozyten mit Entzündungszellen haben wir einen Grant des Österreichischen FWF erhalten. Darüber hinaus hat sich das VIVIT Institut zu einer Plattform entwickelt, an der über die Gefäßforschung im engeren Sinn hinaus auch andere Forschungsdisziplinen andocken können, etwa Onkologie oder Dermatologie. Das kommt natürlich der wissenschaftlichen Produktivität dieser Disziplinen zugute und steigert den Erfolg des Lehrkrankenhauses insgesamt.

    Erfolgreiches wissenschaftliches Arbeiten ist also am Akademischen Lehrkrankenhaus absolut möglich. Aber auch für Ärzte und Ärztinnen, die selbst nicht aktiv forschen möchten, bieten Akademische Lehrkrankenhäuser äußerst interessante berufliche Möglichkeiten. Es ist deshalb für Studierende ein großer Gewinn, schon während des Studiums ein Akademisches Lehrkrankenhaus kennen zu lernen; sei es bei einem Praktikum, im klinisch-praktischen Jahr, oder im Rahmen einer Diplomarbeit oder Dissertation.“